Museen

Ganz Haigerloch in prickelnder Vorfreude: denn mit den „Tagen der Kunst & Kultur“ steht dem idyllischen, schlossgekrönten Städtchen eine besondere Premiere ins Haus. Zwei Tage lang, Pfingstsonntag und Pfingstmontag (08. Juni und 09. Juni), verwandelt sich die 11.000-Seelen-Gemeinde in ein einzigartiges Mekka der Kultur und der Kunst in all ihren Ausprägungen. Vom rührigen Verein „Haigerloch aktiv“ ehrenamtlich und mit großer Motivation auf die Beine gestellt, werden die Tage der Kunst & Kultur die Vielfalt Haigerlochs in neuem Licht präsentieren.

Natürlich werden da die zahlreichen, teils hochkarätigen Künstlerinnen und Künstler aus Haigerloch und dem Umland den Straßen und Ausstellungslocations ihr ganz eigenes Gepräge geben. Gemälde, Skulpturen, Graffiti, Grafiken oder öffentliche Kunstaktionen locken die interessierten Besucher an beiden Tagen in die Stadt. Doch auch die im Städtle ansässigen Museen reihen sich in den reichen Reigen ein und haben für die Besucher geöffnet, alle von 11 bis 18 Uhr. Was gibt’s denn da?

Nach dem Motto „Ladys first“ wenden wir uns zunächst dem charmant-exzentrischen, ganz und gar faszinierenden Neuzugang in Haigerlochs Museumslandschaft zu: Stefanie „Alraune“ Sieberts „Softart-Panoptikum“. Wer ihre grandiose Installation „Kunst-Menschen im Hotel“ noch nicht kennt, hat nun die Gelegenheit. Seit Ostern 2014 sind die lebensgroßen, genähten Menschen samt phantasievollem Zubehör in der Haigerlocher Unterstadt im ehemaligen Hotel Schwanen eingezogen – und locken und begeistern seither die Massen. Die Textil-Künstlerin, eine Art skurril-schräge Madame Tussauds aus Tübingen, hat mit ihren einzigartigen, Stich für Stich selbst genähten Figurenkompositionen bereits in Berlin, Zürich, Kopenhagen, London, Paris, Dublin oder San Sebastian Erfolge gefeiert und hat nun in Haigerloch ihr eigenes Museum eröffnet. (www.panoptikum-siebert.de).

Nicht minder faszinierend, aber auf einer gänzlich anderen, eher historisch-naturwissenschaftlichen Ebene, ist die Anziehungskraft eines bekannten zweiten Haigerlocher Ausstellungshauses: Des Atomkellermuseums. Berlin wurde bombardiert, und die Kernphysiker um Professor Heisenberg und Professor von Weizsäcker verlegten ihren Versuchsreaktor 1944 ins ferne Haigerloch. Die Muschelkalkwände des schmalen Eyachtals sollten die Versuche mit dem Uranreaktor verbergen. 2013 ist das Museum völlig erneuert und mit zahlreichen Schautafeln und Medienstationen vervollständigt worden. Der ehemalige Bierkeller, in dem es nun um die spannende Geschichte der Kernphysik während des zweiten Weltkrieges geht, wurde übrigens erst jüngst von der Zeitschrift „Geo-Spezial“ als Pflichtprogramm auf Platz eins besuchenswerter Kultur- und Ausflugsziele gesetzt. Noch vor dem allgegenwärtigen Heidelberg. Dieser erfreuliche Umstand, fußend auf der jahrelangen Strahlkraft des Museums, ist definitiv dem unermüdlichen Einsatz und der faszinierenden Erzählkunst von Kulturamtsleiter Egidius Fechter zu verdanken. (http://www.haigerloch.de/de/Tourismus/Museen).

Träumerischer, bunter, märchenhafter geht es da im Kunstmuseum Hurm zu. Der Name ist Programm: Das Haus und seine Präsentation sind dem 1930 im Haigerlocher Ortsteil Weildorf geboren (und dort immer noch lebenden) Künstler Karl Hurm gewidmet. Die ständige Ausstellung im Städtischen Kunstmuseum in der Ölmühle umfasst 220 Exponate, Ölbilder, Materialbilder, Zeichnungen und Stelen und bietet dem Kunstsinnigen einen wunderbaren Überblick über das Schaffen des außergewöhnlichen Künstlers. Hurm hatte 1972 in der Galerie „Die schwarze Treppe“ in Haigerloch zum ersten Mal ausgestellt. Ausstellungen folgten in der Schweiz, in Österreich, Holland, Frankreich, England, Italien, Polen, Russland, Japan oder den USA, organisiert unter anderem vom Museum of Contemporary Art, Chicago und von der Staatsgalerie, Stuttgart. Hurms Werk wurzelt in seiner zarten Verträumtheit, seinen organischen Farben und Formen tief in der Alb und in der Umgebung Haigerlochs – und lädt zum Mitträumen ein. (http://www.haigerloch.de/de/Tourismus/Museen)

Wir bleiben bei der Kunst und wenden uns dem Kunstmuseum Schüz im Alten Pfarrhaus zu. Während das Kunstmuseum Hurm dem künstlerischen Wirken eines Künstlers mit Haigerlocher Wurzeln gewidmet ist, dreht sich im Kunstmuseum Schüz, man wird’s erraten, gleich um eine ganze kreative Familie: Die Dauerausstellung im alten Pfarrhaus setzt der Malerfamilie Schüz ein Denkmal. Ahnvater war Theodor Schüz, ein bedeutender Genremaler des 19. Jahrhunderts. Er hatte wiederum drei Söhne, die, unabhängig davon, welchem Berufen sie nachgingen, alle der Kunst zugewandt waren: Der erste Sohn, Martin Schüz, wirkte lang als evangelischer Pfarrer in Haigerloch. Dies hinderte ihn aber nicht daran, seiner kreativen Ader nachzugehen und in seiner freien Zeit zahlreiche Aquarelle zu fertigen, die in der Ausstellung gezeigt werden. Sein Bruder Friedrich Schüz war da konsequenter und wurde gleich Kunstmaler. Er fertigte die Rekonstruktion des Abendmahles nach Leonardo da Vinci in der evangelischen Kirche an – seine wohl bekannteste Arbeit. Von ihm sind im Pfarrhaus viele Bilder aus Haigerloch und Landschaftbilder aus der Umgebung ausgestellt. Der dritte Bruder Hans starb früh. Er hinterließ ebenfalls ein umfangreiches Werk, das in Auszügen in der Ausstellung gezeigt wird. (http://www.haigerloch.de/de/Tourismus/Museen).

Für historisch interessierte Besucher lohnt sich der Besuch der ehemaligen Synagoge. Das Gebäude mit der wechselnden Geschichte schaut auf eine lange Existenz zurück: bereits im Jahre 1783 erhielt die jüdische Gemeinde in Haigerloch die Erlaubnis, im Wohnviertel Haag eine Synagoge errichten zu dürfen. Dort entstanden Räumen für den Gottesdienst, eine Schule sowie die Wohnung des Synagogendieners und sogar ein rituelles Bad. Doch in der Reichspogromnacht 1938 wurde das Gebäude von SA-Leuten aus Sulz zerstört. Als es nach dem Krieg der jüdischen Gemeine wieder übergeben wurde, wurde es von dieser an privat verkauft, diente, entweiht, als Kino, Einkaufszentrum oder gar als Lagerhalle. Der Verein Ehemalige Synagoge Haigerloch kümmert sich seit 1988 um das Gebäude, das 2003 wieder eröffnet wurde und in dem sich seit 2004 eine vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg konzipierte Dauerausstellung zur Geschichte der Juden in Haigerloch befindet (www.synagoge-haigerloch.de).

Zu guter Letzt, und dies empfiehlt sich schon vor dem Hintergrund all der hier angeschnittenen Aspekte, werden im Rahmen der „Tage der Kunst & Kultur“ auch Stadtführungen angeboten. Kenner des Städtchens haben viele Anekdoten auf Lager, um beim Gang durch die immerhin älteste, in Fels gebettete Zollernstadt mit ihren neun Teilorten, mit Schloss, Schlosskirche, St. Anna - Wallfahrtskirche, mit Kurpark in Bad Imnau, mit überwältigender Fliederblüte, mit wunderschönem Rosengarten und ihrer vor Vielfalt überquellenden Kunst- und Kulturszene immer wieder Neues zu entdecken.